top of page

Psychische Gesundheit in der Lehre fördern

„Junge Menschen über längere Zeit zu begleiten und ihre Entwicklung mitzuerleben“ – diese Antwort höre ich in Workshops von Berufs- und Praxisbildenden häufig, wenn ich nach ihrer Motivation frage. Das überrascht nicht, denn in dieser Lebensphase machen junge Menschen entscheidende Entwicklungsschritte durch.


Psychische Problemen UND gleichzeitig ein gutes Wohlbefinden…

Aktuelle Studien zeigen, dass rund 35 % der Lernenden während der Lehre bereits mehrmals und 26 % einmal psychische Probleme erlebt haben. Dazu gehören negative Gefühle und Gedanken, Belastungen, aber auch psychische Erkrankungen oder Krisen. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass es rund 80 % der Lernenden gut geht in der Lehre: Sie sind stolz, im Lehrbetrieb zu arbeiten, interessiert und erleben Sinn. Viele Lernende berichten also sowohl über psychische Probleme als auch über ein hohes Wohlbefinden. Daraus können wir schliessen, dass gewisse psychische Probleme in diesem Alter «normal» sind und das allgemeine Wohlbefinden trotzdem gut sein kann. Wir sollten Probleme daher nicht aufbauschen, aber ernst nehmen.

 

Belastungsfaktoren wahrnehmen und hilfreicher Umgang damit…

Lernende geben häufig an, man vermittle ihnen das Gefühl, sie seien nicht fähig. Sie fühlen sich überfordert oder haben Mühe mit den Arbeitsbedingungen, etwa mit Arbeitszeiten oder dem Arbeitsweg. Oft berichten sie auch von Problemen mit der Berufsbildnerin / Lehrperson oder fühlen sich vom Prüfungsdruck gestresst. Nicht wenige berichten, dass sie sich im Team nicht wohl fühlen, weil das Betriebsklima schlecht ist. Es kann zudem sein, dass der Beruf nicht zu ihnen passt oder sie zu wenig Förderung und Unterstützung erfahren. Gemeinsam mit den Lernenden kann man sich fragen: Kann man die Belastungsfaktoren reduzieren oder gar eliminieren? Was hilft im Umgang mit diesen Faktoren? Welche Bewältigungsstrategien könnten helfen? Wer kann was beitragen?

 

Warnsignale erkennen und handeln…

Es ist sehr wichtig, Warnsignale zu erkennen und angemessen zu reagieren – ausdrücklich ohne Diagnosen zu stellen. Relevant sind vor allem Veränderungen in den Arbeitsergebnissen, im Verhalten oder in den Emotionen. Damit eine Früherkennung gelingt, braucht es Zeit und Achtsamkeit gegenüber den Lernenden. Die Begleitung von Lernenden kann nicht «nebenbei» erfolgen, sondern benötigt einen angemessenen Fokus.

Wichtig ist, nicht wegzuschauen und Anzeichen nicht zu ignorieren. Wir beobachten, dass Berufs- und Praxisbildende eher zu lange warten, bis sie das Gespräch mit den Lernenden suchen. Das ist verständlich, denn solche Gespräche sind nicht einfach. Wichtig ist zudem, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um weitere, allenfalls externe Unterstützung beizuziehen. Die Erfahrung zeigt, dass dieser Schritt oft zu spät erfolgt. Dabei ist es kein Zeichen von Schwäche, Hilfe zu holen.

 

Berufslehre fördert die psychische Gesundheit, wenn…

Es ist wie erwähnt bis zu einem gewissen Grad «normal», dass Lernende in dieser Lebensphase psychische Probleme erleben. Geben wir diesen Problemen einen angemessenen Platz, interessieren wir uns für diese, bieten wir den Lernenden Unterstützung bei der Bewältigung an und schaffen angemessene Rahmenbedingungen. Wenn das gelingt, leistet die Berufslehre einen enormen Beitrag zur Förderung der psychischen Gesundheit der Lernenden.


Seminarempfehlung

«Gesundheitsfördernder Umgang mit Lernenden – Stärkung der psychischen Gesundheit». Dort erhalten Berufs- und Praxisbildende praxisnahe Impulse, wie sie Lernende im Alltag gezielt unterstützen und ihre psychische Gesundheit stärken können.


Do, 18.6.2026 | 08:30 - 16:30 Uhr | WST Thun | zur Anmeldung Do, 5.11.2026 | 08:30 - 16:30 Uhr | Bern | zur Anmeldung


Text & Referent Peter Roos

Peter Roos ist Geschäftsführender Partner vom Büro für Arbeitspsychologie und Organisationsberatung (büro a&o) und Co-Geschäftsführer vom Forum BGM Bern-Solothurn (Betriebliches Gesundheitsmanagement).

In diesem Netzwerk profitieren Organisation von verschiedenen Angeboten rund um das Betriebliche Gesundheitsmanagement: Mitgliedschaft abschliessen.


Kommentare


bottom of page