Vorsorge geht uns alle an – Warum sich frühes Hinschauen lohnt
- Karin Burkhard

- vor 23 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Fachkräfte im kaufmännischen Bereich sind im Berufsalltag versiert im Umgang mit Budgets und Zahlen, vernachlässigen jedoch oft die eigene Altersvorsorge. Dies ist riskant, denn Demografie und sinkende Renten setzen das Schweizer System unter Druck – besonders bei Teilzeitmodellen drohen massive Lücken. Wer die Spielregeln kennt, sorgt rechtzeitig vor und spart Steuern. Dieser Beitrag bietet Ihnen einen strukturierten Überblick sowie eine konkrete Vorsorge-Roadmap mit den wichtigsten Schritten.
Das Fundament: Das Schweizer 3-Säulen-System
Das Schweizer 3-Säulen-System ist in der Bundesverfassung verankert. Jede Säule erfüllt dabei eine spezifische rechtliche und wirtschaftliche Funktion:
1. Säule: Staatliche Vorsorge (AHV): Sichert die Existenz und ist obligatorisch für alle Personen, die in der Schweiz wohnen oder arbeiten. Die Rente hängt von den Beitragsjahren und vom Einkommen ab. Da sie gedeckelt ist, reicht sie für den gewohnten Lebensstandard meist nicht aus.
2. Säule: Berufliche Vorsorge (BVG/Pensionskasse): Sichert mit der AHV rund 60% des letzten Bruttolohns. Die Versicherung ist ab einem Jahreseinkommen von Fr. 22‘680.– obligatorisch (Stand 2026).
3. Säule: Private Vorsorge: Schliesst verbleibende Lücken. Die Säule 3a (gebundene Vorsorge) bietet grosse Steuervorteile, ist aber zweckgebunden und kann erst bei Pensionierung, Hauskauf oder Selbstständigkeit bezogen werden. Die Säule 3b (freie Vorsorge) ist flexibel und jederzeit verfügbar, bietet jedoch keine Steuervorteile.
Vorsorgetipps für Berufstätige
Wie viel sollte man monatlich zur Seite legen? Rechtlich gibt es keine Pflicht, doch Vorsorgeexperten empfehlen, 10 bis 15% des Nettoeinkommens privat anzusparen. Sinnvoll ist folgendes Stufenmodell:
1. Liquidität: Eiserne Reserve von 3 bis 6 Monatsausgaben als Notgroschen auf dem Sparkonto sichern.
2. Säule 3a: Jährlichen Maximalbetrag (2026: Fr. 7‘258.– für Angestellte; bis zu Fr. 36‘288.– für Selbstständige) ausschöpfen.
3. Säule 3b: Überschüsse flexibel am Kapitalmarkt anlegen.
Sparen oder Investieren in der Säule 3a?
Die Säule 3a bietet zwei Optionen: Das klassische Sparkonto oder Wertschriftenlösungen. Bei einem langen Anlagehorizont (über 10 Jahre) sind Wertschriften historisch klar im Vorteil, da sie deutlich mehr Zinsen abwerfen als jedes Sparkonto. Unter 45 Jahren empfiehlt sich ein hoher Aktienanteil (mind. 60%), der vor der Pensionierung schrittweise reduziert wird.
PRAXISTIPP: Eröffnen Sie im Laufe der Jahre mehrere separate 3a-Konti. Da ein 3a-Konto gesetzlich immer nur komplett auf einmal aufgelöst werden kann, ermöglicht Ihnen dies einen gestaffelten Bezug über mehrere Jahre vor der Pensionierung, wodurch Sie die Steuerprogression brechen und signifikant Steuern sparen.
Vorsorgefallen
Koordinationsabzug bei Teilzeit: Die Pensionskasse versichert nicht Ihren gesamten Lohn. Sie zieht davon immer einen fixen Betrag ab (Stand 2026: Fr. 26‘460.–). Erst was darüber liegt, wird für die Rente angespart. Bei einem Teilzeitjob führt dieser starre Abzug dazu, dass Ihr versicherter Lohn kleiner ausfällt.
PRAXISTIPP: Prüfen Sie deshalb unbedingt, ob Ihre Pensionskasse diesen Abzug an Ihr Arbeitspensum anpasst.
Mehrere Arbeitgeber: Wer in mehreren Jobs arbeitet, unterschreitet pro Stelle oft die BVG-Eintrittsschwelle (Stand 2026: Fr. 22‘680.–) und ist trotz hohen Gesamtpensums nirgends versichert.
PRAXISTIPP: Liegt Ihr Gesamteinkommen darüber, prüfen Sie, ob die Pensionskasse eines Arbeitgebers die Fremdlöhne mitversichert. Falls nicht, ist eine freiwillige Versicherung bei der Stiftung Auffangeinrichtung BVG möglich. In beiden Fällen müssen sich Ihre Arbeitgeber zu 50% an den Beiträgen beteiligen, sobald sie aktiv informiert werden.
Konkubinat: Unverheiratete Paare gelten rechtlich als Einzelpersonen. Es gibt keinen automatischen Erbanspruch und keine AHV-Hinterlassenenrente. Begünstigungen in der 2. und 3. Säule erfordern meist eine schriftliche Meldung.
PRAXISTIPP: Ohne gemeinsame Immobilie sollten Sie das PK-Reglement, die 3a-Vorsorge und ein Testament oder Erbvertrag prüfen. Bei einem gemeinsamen Eigenheim sind zusätzlich Eigentumsquote, Finanzierung, Tragbarkeit und ein Konkubinatsvertrag essenziell.
Gender Pension Gap: Wer zugunsten der Familie das Arbeitspensum reduziert, riskiert im Alter massive Rentenlücken (in der Schweiz betrifft dies nach wie vor meistens Frauen).
PRAXISTIPP: Wenn Sie als Paar die Erwerbsarbeit ungleich aufteilen, sollten Sie dies fair ausgleichen. Es empfiehlt sich, dass der Partner bzw. die Partnerin mit dem höheren Einkommen als Kompensation einen festen Betrag in die private Säule 3a des anderen einzahlt.
Strategische Vorsorge-Roadmap

Die Schweizer Altersvorsorge verlangt hohe Eigenverantwortung, bietet aber auch grosse Chancen. Wer seine AHV- und PK-Biografie kennt, die Säule 3a strategisch nutzt und Lebensereignisse vorausschauend plant, sichert sich im Alter echten finanziellen Handlungsspielraum. Der wichtigste Schritt ist der erste Überblick: Verschaffen Sie sich Klarheit über Ihre Ansprüche und bestehende Lücken. Vorsorge ist weit mehr als Sparen – sie ist gelebte finanzielle Selbstbestimmung. Nehmen Sie Ihre Vorsorge selbst in die Hand und nutzen Sie die gesetzlichen Instrumente intelligent für Ihre Zukunft.
Text: Natalija Seelhofer Natalija Seelhofer, MLaw, ist Juristin und Bildungsgangs- leiterin der HF Recht bei der WKS KV Bildung AG. Zudem ist sie als Dozentin in diversen Bildungsgängen tätig und vermittelt Rechtsthemen praxisnah.
Quellenhinweis: in Anlehnung an FERBER, GLIOTT & SCHUBIGER (2020): «Was Sie über Altersvorsorge wissen sollten» und SCHIESSER/MÜLLER (2021): «Mit der Pensionierung rechnen». Die Inhalte dienen der allgemeinen Orientierung und ersetzen keine persönliche Vorsorge- oder Steuerberatung. Für die Richtigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen.


Kommentare